Gespräch des Sportjournalisten Wolfgang von der Burg mit dem Potsdamer Diplompsychologen Heiko Sill

Wolfgang von der Burg: Seit dem Freitod von Robert Enke ist über ein Jahr vergangen. Spüren Sie seitdem irgendeine Veränderung in den Vereinen im Umgang mit ihren Spielern?

Heiko Sill: Die Betreuer in den Vereinen sind durch Robert Enke für ein Thema überhaupt erst sensibilisiert worden, dass sie vorher nicht mit Fußball in Verbindung brachten. Natürlich gab es im Jargon schon immer „Weicheier“, „Memmen“ und Männer, die im Auswärtsspiel „die Hosen voll hatten“. Aber die Konsequenz von Enke hat doch etliche wachgerüttelt. Mein Eindruck ist, dass man jetzt etwas genauer hinschaut, wenn sich ein Spieler allzustill zurückzieht, mehr aber auch nicht. Von konkreten Folgen aus auffälligem Verhalten habe ich nichts vernommen, weder in Richtung Prävention, noch in Richtung Intervention.

Wolfgang von der Burg: Die Betroffenheit war damals groß, ebenso wie die Anteilnahme. Vieles wurde gefordert, um den Sport für Schattenseiten wie psychische Erkrankungen aufgeschlossener zu machen. Was ist davon übrig geblieben?

Heiko Sill: Die Forderungen waren bereits vor einem Jahr in der Mehrzahl naiv. Mehr Verständnis für oder gar Rücksicht auf psychisch gefährdete Sportler war in keiner Weise zu erwarten. Der Profi-Fußball wird auch künftig eine gnadenlose Leistungsgesellschaft sein, die keine Versehrten dulden kann und wird, so inhuman sich dies auch anhören mag. Ob irreparabler Miniskusschaden oder psychische Beeinträchtigung – wer den Anforderungen nicht gewachsen ist, ist draußen.

Wolfgang von der Burg: Wäre es denn überhaupt gut, wenn ein bekannter Profi, der in der Öffentlichkeit steht, sich zu seinen Problemen bekennen würde?

Heiko Sill: Profifußballer sind nach wie vor die Söldner in unseren Stellvertreterkriegen, die zwischen den Städten und Regionen mittlerweile sportlich ausgetragen werden. Wer da nicht tausendprozentig gefechtsbereit ist, hat wenig Aussicht auf Teilnahme. Diese Logik verführt Spieler und Fans dazu, gehandicapten Gegenspielern entschlossen feindselig gegenüberzutreten. Bekennende neurotische oder depressive Spieler würden wohl ein ganz besonderes Spießrutenlaufen auf sich nehmen müssen. Das kann man niemandem wirklich empfehlen, keiner der Betroffenen würde wie Oliver Kahn den Spieß umdrehen und an Häme sogar noch wachsen.

Wolfgang von der Burg: Was muss, was kann getan werden, damit sich ein Fall Enke nicht wiederholt?

Heiko Sill: Zwar tragen Sportler ein geringeres Risiko, an einer Depression zu erkranken, als sportlich inaktive Menschen. Doch eine Wiederholung auszuschließen, ist unmöglich. Statistisch gesehen ist in den 4 oberen Ligen etwa aller 40 Jahre mit einem Fall Enke zu rechnen. Leider machen solche spektakulären Suizide aber oft Schule, ähnlich geplagte Menschen finden durch öffentlichkeitswirksame Beispiele nicht selten den Mut zur Nachahmung. Das führt dann zu einer Häufung ähnlicher Taten kurz nach dem Auslöseereignis oder in der Nähe der Jahrestage.

Wolfgang von der Burg: Warum verpflichten Vereine so wenig Sportpsychologen, um einer Wiederholung des Falles Enke vorzubeugen?

Heiko Sill: Zwei Dinge sollte man nicht miteinander vermengen: Die Sportpsychologie ist speziell im Fußball als Mannschaftssport dem optimalen Zusammenspiel der einzelnen Spieler gewidmet. Als Disziplin der Arbeitspsychologie unterstützt die Sportpsychologie den Trainerstab dabei, menschliche Spitzenleistungen während der Team-Tätigkeit „Fußball“ systematisch im Training zu organisieren. Im Gegensatz hierzu ist es Aufgabe der Medizin und der klinischen Psychologie, Krankheits-Diagnostik und therapeutische Zuwendung zu einzelnen Spielern sicherzustellen. Deswegen ist das Fehlen von Sportpsychologen in Bundesligaclubs eher ein Beleg für unausgeschöpfte Leistungsreserven der Mannschaften als für fehlende Konsequenzen aus Enkes Suizid. Vielmehr sollten die Vereinsärzte ertüchtigt werden, nicht nur orthopädische, sondern auch psychische Auffälligkeiten ihrer Schützlinge zumindest zu erkennen.

Wolfgang von der Burg: Depressionen sind ja eine psychische Erkrankung. Was würden Sie als Psychologe Sportlern raten, die unter Depressionen leiden?

Heiko Sill: Niemals auf die leichte Schulter nehmen. Depressionen ist nicht mit gutem Willen, aufmunternden Appellen, sportlichen Erfolgen oder geselligen Abenden beizukommen. Professionellen und diskreten Rat suchen. Keine Selbstmedikation durchführen. Ärzten vertrauen, die viel Erfahrung mit der Erkennung und Behandlung von Depressionen haben.

Wolfgang von der Burg: Sind Depressionen überhaupt heilbar?

Heiko Sill: Depression ist eine Stoffwechselerkrankung im Großhirn, die überwiegend heilbar und nach derzeitigem Kenntnisstand in hohem Maße erblich bedingt ist. Wer depressive Verwandte hat, trägt ein erhöhtes Risiko, ebenfalls an einer Depression zu erkranken. Neben genetischen Faktoren spielen aber auch Umwelteinflüsse eine Rolle. Ein unterschätzter Umweltfaktor ist das Medikament, das Antidepressivum. Stimmungsaufheller wirken aktivierend und können in einer depressiven Phase der tragische Auslöser für die Umsetzung der Suizid-Absichten sein. Ein betroffener Sportler kann unter Einfluss von Antidepressiva zwar ein wenig früher wieder ins Training einsteigen, aber eben auch die nötige Energie zur Selbsttötung aufbringen. Hier hat Enkes Suizid noch wenig bewirkt.

Wolfgang von der Burg: Haben Depressionen negative Auswirkung auf die sportliche Leistung oder kann man das überspielen?

Heiko Sill: In Abhängigkeit der Schwere der Depression sind Wettkämpfe und ihre Vorbereitung mehr oder minder schwer beeinträchtigt. Als Problem erweisen sich regelmäßig die Antriebsstörungen, die den Betroffenen daran hindern, überhaupt irgendetwas zu tun, irgendwohin zu fahren oder gar einen Trainingsplan zu vollziehen. Aber Depressionen verlaufen schubartig, depressive und unauffällige Episoden wechseln oft einander ab. Das stellt sich dann für die Außenwelt unverdächtig als Grippeneigung dar, weil der Betroffene zwischendurch ja immer wieder präsent ist. Mit etwas Geschick und Aufwand kann man eine Depression also tatsächlich eine Weile verschleiern und überspielen.


Verfasser:
Diplom-Psychologe Heiko Sill
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